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Offener Brief zum Umgang mit MEINER Psychiatrieerfahrung Sehr geehrte Damen und Herren,
es mag Ihnen seltsam erscheinen, dass ich einerseits offen über meine Psychiatrieerfahrung spreche, andererseits es nicht dulde, wenn ich von anderen, sei es aus Solidarität, aus Begeisterung, was wir alles können oder weil gerade dieser Blickwinkel gefragt ist, auf diesen einen Aspekt reduziert werde. Ich denke, dass kein Mensch sich damit zufrieden geben sollte, mit Zuschreibungen wie "Betroffene, Mensch mit Diagnose" etc, zufrieden zu geben.
Selbst das Label "Psychiatrieerfahrene" ist allein für keinen Menschen stimmig. Wer von sich als Psychiatrieerfahren spricht, weiß meistens mehr über die Hintergründe seiner eigenen Erkrankung als die meisten Profis, mit denen er im Laufe seiner Laufbahn zu tun hatte. Das ist schon mal eine hohe Kompetenz, die zuweilen zur Genesungserfahrung wird. Wir wissen auch, was wir sonst noch für Erfahrungen haben, selbst wenn unsere Lebensgeschichte manchmal über Jahre zu einer Krankengeschichte umgemünzt wurde.
Vor jedem, der seine Psychiatrieerfahrung offen handhabt, habe ich großen Respekt, aber auch vor jedem, der sie versteckt, weil es nach wie vor ausgenutzt wird, auf die eine oder andere Art.
Es ist mit Vorsicht zu genießen, offen zu sein. Und wir sind alle als Menschen mehr, viel mehr und keiner darf sich der Illusion hingeben, dass nicht ich ihn, ein Mitglied seiner Familie oder einen Freund trifft, Erfahrungen mit der Psychiatrie zu machen, ist das normalste von der Welt.
Und es ist wichtig deutlich zu machen, was wir noch sind, beruflich und in anderen Kontexten. Die Bedeutsamkeit, die uns mit dem einen Label wie "Psychiatrieerfahren" gegeben wird, ist zweifelhaft und nutzt sich je nach Trend schnell ab.
Meine Erfahrungen sind vielfältig, die schmerzhafte Erfahrung mit der Psychiatrie, als Nutzerin, teile ich mit vielen, ebenso viele schmerzhafte Erfahrungen von Ausgrenzung und Missachtung, Gewalt und Missbrauch teile ich nicht mit wenigen. Auch meine langjährige Erfahrung mit und in der Psychiatrie als Mitarbeiterin birgt nicht nur lichte Momente.
Von der Angehörigen Seite erfahre ich über meine eigene Erfahrung hinaus, eine ganze Menge, vielfältiger schmerzvoller und stigmatisierende Aspekte. Was ich von mir und meinen Erfahrungen unter welchem Label veröffentliche ist allein meine Sache und mein Recht. Wer etwas davon nutzen möchte oder darauf Bezug nehmen möchte, sollte mich danach fragen, ob und in welcher Form und wo er das tun darf.
Vielen Dank,
herzliche Grüße
Gudrun Tönnes
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